Subject: You’ll be fine.

It’s true. Not talking about happy endings either. Ultimately, any path and any ending is fine. Some are more sad than others. That’s okay. It’s just that sometimes, you have to hear that from a stranger, since friends can’t be trusted when it comes to truths, especially unpleasant ones. I know I could have used a letter or two from a stranger in my lifetime. Perhaps you, D., can use one too. Ultimately, I’m writing this letter to you, but for myself. Feels good to see it before my eyes instead of in my head. Maybe it feels good to you, too. If not, then you will simply ignore it, which is also fine.

But if it does, just remember: You’ll be fine. There’s no way you’ll not be.

You can’t trust a stranger, but you can believe me, precisely because I don’t know you at all. It’s not a judgement of your situation or your character, both of which I don’t know. It’s just a simple observation made countless times. Fulfillment and self-destruction, distance and obsession, the tides of soaring ego boosts and devastating self loathing, none of it is better than its counterpart. There’s no judgement that matters in these things, not even (or especially?) your own. I felt like the most worthless being in existence. So did many others. We were wrong, perhaps one of us was right, in the end it didn’t matter.

This is not nihilism. It’s not destructive. It’s a form of acceptance. No matter how one does feel internally, no matter if he gets validation from the outside or how he processes it, it’s okay. He is okay. Some people think that nothing matters and feel crushing despair. But it can actually be quite liberating to realize how little many things matter. It’s okay to feel shitty. It’s okay to sometimes have wronged someone, even yourself. It’s okay not to be the best at something. It doesn’t mean you’re a bad person. There are terrible things to do, for sure, and one can be a bad person. But not just by living your life and feeling you’re not good enough for someone, something, somewhere. Not just by looking at yourself and hating the idea that you could be so much more.

You’ll be fine.

Perhaps I will be, too. This letter is a good first step.

I considered asking you if I was allowed to send this letter, not wanting to just dump something on you. Actually. that’s a lie. I’m still considering while writing these very words. I just decided against it, which means you will never read it. That’s okay, I’m not your puzzle to solve, nor are you mine.

I think I’ll keep this letter. I like it. Perhaps you would have liked it, too. But in the end, with or without it, you’ll be fine.

-L

Der Lobster Award

Zu einer Nominierung gehört ja mindestens dreierlei, an dem sich ablesen lässt, ob man sich geehrt oder beschämt fühlen soll: der Nominierende, die Sache, für die man nominiert wurde und die Gesellschaft der anderen Nominierten, in die man sich begibt, wenn man folgt. Wenn nun also Felix Bartels einen putzigen Fragenkatalog unter dem Deckmantel des Lobster Awards (ehemals Liebster Award) in meine Richtung schickt, weil er zuvor nominiert wurde, ist es meine Pflicht und Freude, so ziemlich alles stehen- und liegenzulassen und zu antworten.

1. Was sind die Zutaten eines schönen Abends?

Es kann ja nun niemand behaupten, daß ihm nur ein Gericht schmeckte, und so, wie verschiedene Mahlzeiten unterschiedliche Zutaten erfordern, tun es auch verschiedene Abende. Eine denkbare Kombination wäre: leichter Alkohol, dusselige Freunde und ein guter Film, der in acht von zehn Fällen „Midnight Run“ heißt, manchmal aber auch anders. Der Film darf auch durch Gespräche ersetzt werden, man kann dann zum Beispiel die Probleme der Welt lösen, sich gegenseitig die längst bekannte Gesinnung streicheln und anschließend seufzen, daß man nicht am Hebel sitzt. Wer mich aber kennt, weiß, daß ich auch noch sinnloseren Tätigkeiten nicht abgeneigt bin. Es dürfen Tee und Spiele involviert sein. Oder man streicht alles bis auf den Alkohol, steigert dessen Maß dann dafür aber in Höhen, die nicht nur Hippokrates mit vollem Recht als „giftig“ bezeichnet hätte.

Oh, und Sex. Sex geht immer.

2. Das schönste Stück Lyrik, das du je gesehen, bitte: (nicht zitieren, nur Autor, Titel)

Eigene Lyrik ausgenommen? Ich habe eine Vorliebe für Heine und, wie nicht wenige wissen, Hacks. Von ersterem wäre es vielleicht „Mein Herz, mein Herz ist traurig“, von letzterem „Englische Eröffnung“ – ich stehe nun einmal auf Gedichte mit einer unvermittelten, knackig am Schluss eingeworfenen Pointe.

That being said: Ich würde mir die linke Hand abschneiden, wenn ich dafür Marco Tschirpkes „Atlantis“ hätte schreiben können.

3, Sind ästhetische Werturteile objektivierbar?

Sie sind es nicht nicht. Ich habe seit jeher ein Problem mit der Auffassung, der einzige Unterschied zwischen Mozart, Michael Jackson und Modern Talking sei ein subjektives und also ein Geschmacksurteil. Es gibt Unterschiede, in Gattung und Machart, und über diese kann man reden. Und wenn meine Erfahrung mich nicht im Stich lässt, so führt reden zu denken und denken immer auch zu Urteilen. Den Gemeinplatz, daß reine Objektivität nicht erreicht werden könne, einmal außen vorgelassen, sage ich: Sie sind objektivierbar. Daß sie niemals ungefärbt und vollkommen objektiv sein werden, ist eine lausige Ausrede dafür, den eigenen Kopf nicht zu benutzen.

4. Kann man sich je freimachen von Ideologie?

Das kommt wohl auch darauf an, wer „man“ ist. Ganz generell gilt auch hier wieder: Reinheitskomplexe stehen der Wirklichkeit entgegen. Wir bewältigen ja nun nicht unser Leben und häufen Erfahrungen und Ansichten an, um sie anschließend komplett wieder ablegen zu können. Interessanter wäre doch die Frage, wie weit man sich von Ideologie freimachen kann, was an ihre Stelle träte und ob dieser Vorgang immer wünschenswert ist.

Also komplett: Nein, wohl nicht, jedenfalls kenne ich kein Beispiel. Doch ich kenne Beispiele für Leute, die ihre Ideologie auf ein Mindestmaß zurückschraubten und mit der neu entstandenen Distanz zum sujet du jour Erstaunliches vollbrachten. Davor habe ich Respekt.

5. Hast Du ein Lebensthema? Wenn ja, welches?

Schwer. Normalerweise wäre es das übliche, das Hinterlassen von Fußspuren, einen Unterschied machen, derlei. Da es damit in der Praxis gerade etwas hapert, wäre es momentan: Sieh zu, daß die Welt durch Dich nicht zu einem schlechteren Ort wird, als sie sein kann.

6. Blitzantwort: Kant oder Hegel? Mozart oder Stockhausen? Kochen oder essen?

Hegel, Mozart, essen. Letzteres, weil ich nicht kochen kann, sonst anders.

7. Ein Blick in Brechts Lehrstücke: Angenommen einer könnte, indem er sich opfert, das Überleben einer Gemeinschaft retten – sollte er es tun? (Mr. Spock sagt: ja)

Ich sage es wie Spock: The needs of the many outweigh the needs of the few.

8. Abgesehen von Günter Grass: Welcher Dichter der Gegenwart (20./21. Jh.) ist am abstoßendsten?

Durs Grünbein.

9. Die drei besten Kinofilme aller Zeiten sind:

Léon der Profi, Hero und Ghostbusters. Bonus: Die Nacht der reitenden Leichen.

10. Gehört der Tod abgeschafft?

Nah.

11. Worauf kömmt es an: die Welt zu interpretieren oder sie zu verändern?

Die alte Frage nach Idealismus und Materialismus, nach der Wechselwirkung zwischen Idee und Wirklichkeit, kommt selten in seltsamerer Verkleidung daher denn als Frage in einer Blog-Nominierung. Den von FB oft wiederholten Spaß „es kommt aber darauf an, sie zu interpretieren“ ebenso ausgelassen wie die krakeelenden Jugendlichen, deren blinder Aktivismus sich in Raufereien auf dem Mariannenplatz oder Pamphleten in der Fußgängerzone entlädt: Die Vorstellung, man könne die Welt interpretieren oder verändern, ohne auch jeweils das andere zu tun, erscheint mir kurzsichtig. Wenn handeln nicht die Entladung einer Idee sein soll oder die Interpretation das Resultat einer aus Handlungen erzeugten Wirklichkeit, dann weiß ich nicht, was sie jeweils sein sollen. Warum sie als antagonistisches Paar darstellen, das sie nicht sind?

Meine Antwort auf die Frage lautet also: Ja.

 

Ich befinde mich nun in der schwierigen Lage, weitere Leute nominieren zu sollen. Streicht das: Es ist eine unmögliche Lage, denn ich kenne keine Blogger oder sonstwie geeignete Kandidaten. Das, und ich weiß über meine Freunde das, was ich wissen muss, weitere Fragen wären unhöflich oder ergeben sich beim Bettgeflüster. Glücklicherweise endet die Kette ja nicht bei mir, also kann ich beruhigt masturbieren gehen.

Sollte jemand doch Vorschläge haben, dann möge er sie sagen oder die Betroffenen gleich selbst nominieren.

Wie hältst Du’s mit der Liebe?

Im Vorwort zu seiner „Philosophie des Rechts“ bemerkt Hegel, daß die Liebe einen zumindest scheinbar unauflöslichen Widerspruch darstellt – sie bedeute nämlich, einen Teil seiner selbst aufzugeben, um sich selbst zu komplettieren.

Ich habe vor einigen Jahren ein Gedicht aus diesem Umstand gemacht. Es geht wie folgt:

 

Ich geb mich auf und werde ganz
So ist es in der Liebe
Ein alter weicht dem neuen Glanz
Wer weiß, wo der sonst bliebe?

Die Einsamkeit? Ein kleiner Preis
Ich schreib Dir kleine Lieder
Ich finde mich auf diese Weis
In Selbstaufgabe wieder

 

Wie gesagt: Der Widerspruch ist nur scheinbar. Ich habe Hegel gehörig missverstanden, wie alle Leute, aber der Gedanke, mich ihm auf meine eigene, kleine Weise angenähert zu haben, tröstet mich ungemein.

Dualitäter

Wenngleich Philosophie nicht mein Steckenpferd ist, so bin ich doch höchst interessiert an den Irrtümern der Leute, und nichts wird schöner missverstanden oder missbraucht als Gedankenexperimente. Es ist ein altes Spiel: Zäune werden zu Verfälschungen unserer inhärent freien Natur und schon Marx amüsierte sich über die Verknalltheit des Bürgertums in Robinsonaden, die den angeblich wahren Charakter des Menschen daraus ableiten wollen, wie ein moderner Mann sich entwickeln würde, wenn man ihn aus der Umgebung isoliert, die ihn überhaupt erst geschaffen hat, und stattdessen zwingt, sich einen Lendenschurz selbst zu klöppeln und vor den verwirrten Krabben am Strand zu masturbieren.

Einer meiner Favoriten ist der Trugschluss der goldenen Mitte. Es wird richtig gesagt, daß der reine Mittelweg zwischen zwei Positionen nicht zwangsläufig die beste Lösung darstelle. Wenn zwei Eheleute sich darüber streiten, ob sie ein Haus bauen sollen, weil einer es will und der andere nicht, ist keinem damit geholfen, wenn man ein halbes Haus baut. Wenn der Anwohner sagt, die Termiten in seiner Wohnung müssten vernichtet werden, und der Tierschützer, daß man das auf keinen Fall dürfe, sollte man nicht einen Teil der Krabbler plattmachen.

Doch ich kenne keinen Namen für den den ebenso falschen Umkehrschluss und die häufig aus diesem Trugschluss abgeleitete Idiotie, die Mitte zwischen zwei Positionen könne deshalb zwangsläufig nicht die richtige Position sein. Oder die ebenfalls oft irrige Annahme, es gebe nur exklusiv die beiden angesprochenen Positionen.

Ein Teil der Ursache dieses Problems ist natürlich Parteilichkeit. Wer einen Standpunkt hat, rückt von diesem in der Regel nicht mehr ab, und einen Kompromiss zu erreichen führt in der Regel zu unbefriedigten Handelspartnern. Doch das Problem geht tiefer. Eine mittlere Position nämlich ausschließlich als Kompromiss zu verstehen, ist nur die konsequente Fortsetzung der ersten irrigen Annahme, daß man mit den beiden gegensätzlichen Positionen zu arbeiten habe.

Aber natürlich ist das unbeholfene Einerseits-Andererseits zwischen den Stühlen nicht das Ziel einer Überlegung, sondern bestenfalls ihr Anfang. Wer sich mit dem Standpunkt zufrieden gibt, daß beide Seiten ihre Argumente und ihr Recht haben, und mit dieser platten Erkenntnis schlafen geht, der hat nicht überlegt, sondern ist ausgewichen. Was man mit der Erkenntnis anstellt, ist die Frage.

Kommt man zu dem Schluss, daß eine der Seiten im Recht ist, kann man diesen Standpunkt für sich einnehmen, und er ist durchaus zu unterscheiden von dem, der als reiner Beißreflex im ersten Moment einer Auseinandersetzung so oft eingenommen und dann bis aufs Blut verteidigt wird. Es gibt denkende Menschen in Parteien, aber denkende Parteien gibt es nicht. Reine und unkritische Parteilichkeit ist eine Religion, die also die Welt strukturieren und die eigenen Haltungen automatisieren soll.

Ebenfalls möglich ist natürlich, daß man sich vom Konflikt abwendet. Eine solche Kapitulation ist feige, aber doch ehrlicher als der pluralistische „Jeder hat ja irgendwie Recht“ Stuss. Viel schwieriger aber ist, im Konflikt eine Mitte anzustreben, die sich über die Interessen und Motivationen der Kontrahenten erhebt und diese Ansprüche auf einer höheren Ebene als der, sich gegenseitig mit Schaufel und Sandförmchen zu beschmeißen, aufzulösen sucht. Die meisten können das nicht, noch mehr wollen es nicht. Synthese ist Denken. Denken ist Arbeit. Der eigentliche Trugschluss der goldenen Mitte ist, daß sie nicht golden sein könne, weil man denkt, was mittig ist, müsse deshalb auch auf Augenhöhe sein. Um Tiefe zu erreichen, muss man dreidimensional gucken. Insofern würde ich diesen (soweit ich weiß) namenlosen Fehlschluss gerne an dieser Stelle taufen: Der Fehlschluss der fehlenden Z-Achse.

Es ist manchmal schwer zu glauben, daß ich, wenn ich aus dem Fenster blicke, dieselbe Stadt sehe, die auch Hegel aus seinem Fenster gesehen hat.

Das Zeitalter des Plapperns

Wenn einer sich äußert, dann müssen wir davon ausgehen, daß einer von zwei Fällen vorliegt: Er ist entweder überzeugt davon, etwas zu sagen zu haben, oder es ist ihm herzlich wurscht, daß er nichts zu sagen hat.

Welcher der beiden Fälle nun also bei mir vorliegt, ist eine interessante Frage. Da ich ein Blog habe, liegt die Vermutung nahe, ich sei einfach einer der üblichen quasselnden Ego-Klumpen, die angesichts des pluralistischen Zeitalters ihr reines Dasein mit Wichtigkeit oder dem Recht auf Respekt und Angehörtsein verwechseln. Es ist eine Möglichkeit. Wenn Sie mich aber direkt fragen, sage ich Ihnen ganz offen, daß meine Gedankengänge keine wesentliche Größe erreichen, meine Haltungen wackelig sind, meine Beobachtungen auch nicht schärfer als diejenigen, die in Feuilleton X von Spiegelmasturbateuren breitgetreten werden. Ich bin, will ich sagen, vielleicht nicht unwichtig, aber wichtig bin ich keinesfalls.

Ich bitte Sie, das nicht mit Bescheidenheit zu verwechseln, denn wäre ich bescheiden, würde ich gerade nicht schreiben. Ich bin mir sicher, daß das, was ich schreibe, zu Papier muss. Diese vermeintliche Aporie lässt sich in meinem Kopf nur auf eine einzige Weise auflösen: Meine anfängliche These ist falsch, denn es gibt einen dritten Fall, der beide Positionen in sich vereint – daß einer nichts zu sagen hat, aber dennoch überzeugt ist, daß es gesagt werden muss. Wenn Sie mich also fragen, wozu das Ganze, antworte ich:

So gute Dinge, wie ich nicht sage, müssen andere erst einmal sagen.